Autor: Rebecca Trachsel

Wenn Baustellen zu Schatzinseln werden

Wenn Baustellen zu Schatzinseln werden

Seit Jahren suchte ich Märzenglöggli-Zwiebeln, und zwar die einheimischen Märzenbecher (Leucojum vernum) und nicht die „anderen“ Schneeflöckli und wie sie sonst noch alle heissen.


Nicht einmal bei Sativa in Rheinau sind sie erhältlich. Als Kind hatten wir sie ganz vereinzelt unter dem Haselstrauch und auch sonst waren sie in den Gärten zu finden. Und dann, plötzlich, nicht einmal ein einziges Glöckchen irgenwo. Vermutlich war es ja nicht plötzlich, aber so hat es sich für mich angefühlt, als ich sie wieder anpflanzen wollte. Jahre habe ich mit Suchen verbracht, habe dann doch mal so Schneeflöckli Blumen gepflanzt, aber der Traum war noch offen. Nun gut, gibt’s.

An der Hauptstrasse in Zollikofen hat es vis-à-vis vom grossen Migros seit ein paar Monaten Bauprofile. Innerhalb der Bauprofile inmitten eines verlassenen Gartens steht ein uralter, riesiger Magnolienbaum und immer wieder habe ich auf der Durchfahrt gedacht : „Dieses Jahr blüht er wohl das letzte Mal“ und fühlte mich traurig, weil der Baum halt wirklich uralt und prächtig ist. Die Hauptstrasse hat oft so viel Verkehr, dass es zu Staus kommt und in genau so einem Stau blieb ich bei dem Magnolienbaum stecken. Und was sehe ich unter ihm still und leise blühen? Tausende Märzenglöggli! Ein paar Telefonate später habe ich den Bauherr am Draht und innerhalb ein paar Minuten nach meiner Erklärung bekomme ich die Bewilligung, Märzenbecher im Kilobereich zu retten. Ein paar Wochen später haben über 30 Privatgärten via Whatsapp-Sturm einen Teil der Märzenglöggli bekommen, viele sind natürlich hier in der Region und etwa 200 sind jetzt in der Hecke entlang des Dorfbachs im Schlosspark. Aber Burgdorf und Huttwil hat nun auch. Einfach schön.

Es hört aber nicht hier auf.

Beim letzten Ausbuddeln steht eine ältere Dame ganz still am Gartenzaun, schaut uns zu und fragt dann, ob wir denn eine Bewilligung hätten. Ich erzähle von Herrn Oppliger, dem Bauherrn, dass auch der Magnolienbaum nicht ganz verloren geht, weil der Ändu Müller von Ändu’s Woodwork in Utzenstorf den Baum in Kunstwerke transformieren wird, und von meinem Traum seit Jahren. Es dauert etwas lange und ich werde schon ganz nervös, weil die gute Frau so ernst dreinschaut. Und endlich kommt die Auflösung… Wir stehen in ihrem ehemaligen geliebten Garten! Sie weiss sehr wohl, wer Herr Oppliger ist, weiss auch wo das Schloss Jegenstorf ist, und wird nächsten Frühling ihre geliebten Märzeglöggli dort besuchen. Dass der Magnolienbaum nicht einfach zu Holzstücken geschredert, sondern transformiert weiterleben wird, und wir auch die beiden alten Rosenstöcke mitgenommen haben; merkten, dass dieser Garten geliebt wurde und es bestimmt nicht einfach war, ihn aufzugeben… das war die Perle in der Krone dieser Reise, hat den Kreis geschlossen. So schön war das, so bereichernd und ungewöhnlich. Übrigens ist der Herr Oppliger ein ganz besonderer Bauherr: Von jeder Baustelle nimmt er von den alten Bäumen Stecklinge und wenn alles gebaut ist, lässt er die Stecklinge auf dem neuen Gelände pflanzen.

Als Dankeschön bekommt der alte Garten und der Parkplatz von uns einen Clean-Up gespendet.

Also: Bei Baustellen lohnt es sich, genau hinzuschauen und, falls nötig, den Bauherrn ausfindig zu machen, bevor die Erde weggebaggert wird. Baustellen können echt Schatzinseln sein.

Clean-Up 2023…

Clean-Up 2023…

… und Dank an alle Raumpat*innen und Freiwillige


Zigi, Zigi, Zigistummel
Die Zahlen für das Clean-Up-Jahr 2023 sind gewachsen! – Wir haben sage und schreibe 25‘884 Zigistummel eingefangen (ich sage bewusst eingefangen….). Dies entspricht konservativ berechnet 1‘035‘360 Liter potenziell verseuchtem Grundwasser.

Am internationalen Clean-Up Day Mitte September sammelten 15 Freiwillige, davon 2 Kinder, 4391 Stummel. Die konservative Formel 1 Stummel x40 ergibt 175‘640 Liter potenziell verseuchtes Grundwasser. Pro Stummel ist ein Kubikmeter Erde bedroht. Am Dorffest waren es 881 Stummel, entspricht 35‘240 Liter potenziell verseuchtes Grundwasser. Im Durchschnitt waren wir an den monatlichen Clean-Ups fünf bis acht Personen.


Abfall hier und dort und überall…
All dies sind erst mal die Zigistummel. Dazu kommt der Abfall, der „entwischt“ und in Ritzen, Büschen, Strassenrändern, Gewässern und dank den immer stärkeren Stürmen auch hoch oben in Bäumen sitzt, bis wie von Zauberhand geräumt, geklettert und gefischt und gesäubert wird. Auch wird sehr ersichtlich, wo welcher Abfall liegt. Bei Sitzbänken und öffentlichen Parkplätzen sind es Stummel und diese mühsamen kleinen Abrissteile von Imbissen wie Getreidestängel und Schoggiverpackungen. Büchsen und PET-Flaschen liegen im Gras an den Strassenrändern. Bei den Bahnübergängen sind es Zigistummel wie auch sonst überall. Auf Pausenplätzen sind es wieder die Imbissverpackungen und, mein Favorit, Capri-Sun-Beutel. Wie wäre es, wenn in den Schulen nur noch „unverpackte“ Znüni erlaubt wären?


Taschenaschenbecher…
Erfreulich ist die Dankbarkeit beim Verschenken eines Taschenaschenbechers. Wir haben davon noch im Keller, sie dürfen bei uns am Römerweg 3 abgeholt werden. Ich werde bei Swiss Cigarette um Nachschub bitten und ihnen auch unsere 2023-Statistik weiterleiten.


Raumpatinnen und Raumpaten – weiterhin gesucht!
Unsere Raumpatenschaft Forum Jegenstorf via IGSU würde sich immens über Verstärkung freuen. Die Vernetzung muss verdichtet werden, die spontan entstehende Öffentlichkeitsarbeit erhalten und noch deutlicher werden und das Littering als absolut uncool und veraltet verstanden werden. Vor der eigenen Haustüre zu wischen erleichtert und befreit, ja es beflügelt sogar und verbindet uns mit uns selbst in einer einfachen und kraftvollen Aktion gegen den Frust, die gefühlte Hilflosigkeit und halt auch eben den Unmut. Mut und Schwung bringt Sauerstoff in Seele und Geist und von dort in unseren physischen Körper.


Herzlichen Dank…
… an alle, die ihr so offen und beherzt unterwegs seid und all die Zeichensetzungen möglich macht!

Für die Raumpatenschaft Jegenstorf
Rebecca Trachsel

Clean-up: Rückblick 2022 und Ausblick auf die Raumpatenschaft

Clean-up: Rückblick 2022 und Ausblick auf die Raumpatenschaft

Ein Jahr ist es her, seit wir mit der Unterstützung der Bauverwaltung und des Werkhofs Jegenstorf jeden 1. Samstag des Monats gemeinsam und freiwillig dem verlorenen Abfall und den ebenso verlorenen Zigistummeln im öffentlichen Raum an den Kragen gehen.


Ein Jahr mit im Schnitt jeweils sechs Personen, gross und klein. Ein Jahr gefüllt mit interessanten Gesprächen, während wir uns da mit Leuchtwesten und Abfallsäcken durch das Dorf bewegen. Gespräche über soziales Verhalten, mentale Gesundheit und teils offenbar verstörtes Verhalten uns selbst und damit unserer Umwelt gegenüber. Gerade deshalb fühlt sich die aktive Beteiligung an einer Verbesserung so gut an! Die Wut und die Frustration bringen auf die Dauer ja nichts, dass wissen wir instinktiv.

Drum, ein Jahr, ein Rückblick und, daraus entstanden, ein Plan und eine Plattform, die wir dank der IGSU, der Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt, übernehmen und umsetzten können. Dazu der Text, der auf unserer Website auf der Startseite neu aufgeschaltet ist.

Das Forum Jegenstorf tritt neu als Organisatorin von Raumpatenschaften gegen Littering der IGSU auf. Wer das regelmässige Aufräumen eines selbst gewählten Gebietes in Jegenstorf übernehmen möchte, kann sich dafür unter www.raumpatenschaft.ch als Raumpate/Raumpatin eintragen (Button am rechten Rand bzw. unten am Handybildschirm: «Raumpate werden») und erhält nach Überprüfung der Angaben ein Login mit ortsspezifischen Informationen.

Nebst dem Abfall und den Zigistummeln haben 11 Personen im Juli 12 x 110-Liter-Säcke mit Berufkraut und Kanadischer Goldrute gesammelt (siehe den Bericht dazu).

Die Zigarettenstummel-Zahlen : Für das Jahr 2022 sind 13‘804 Stück eingesammelt worden.

Wenn dies konservativ umgerechnet wird, wären oder sind das 552‘160 Liter verseuchtes Grundwasser. Nasse Filter lösen innerhalb von 30 Sekunden u. a. das Nikotin in die darunterliegende Oberfläche aus. In Kubikmeter sind das 13‘804 m3 verseuchte Erde, die wir davor bewahrt oder wenigstens teilweise bewahrt haben.

Grund genug um weiterzufahren! Freiwillig und entspannt, bewusst und aktiv anstelle von Frustration und Reaktion.