Wenn Baustellen zu Schatzinseln werden
Seit Jahren suchte ich Märzenglöggli-Zwiebeln, und zwar die einheimischen Märzenbecher (Leucojum vernum) und nicht die „anderen“ Schneeflöckli und wie sie sonst noch alle heissen. |
Nicht einmal bei Sativa in Rheinau sind sie erhältlich. Als Kind hatten wir sie ganz vereinzelt unter dem Haselstrauch und auch sonst waren sie in den Gärten zu finden. Und dann, plötzlich, nicht einmal ein einziges Glöckchen irgenwo. Vermutlich war es ja nicht plötzlich, aber so hat es sich für mich angefühlt, als ich sie wieder anpflanzen wollte. Jahre habe ich mit Suchen verbracht, habe dann doch mal so Schneeflöckli Blumen gepflanzt, aber der Traum war noch offen. Nun gut, gibt’s.
An der Hauptstrasse in Zollikofen hat es vis-à-vis vom grossen Migros seit ein paar Monaten Bauprofile. Innerhalb der Bauprofile inmitten eines verlassenen Gartens steht ein uralter, riesiger Magnolienbaum und immer wieder habe ich auf der Durchfahrt gedacht : „Dieses Jahr blüht er wohl das letzte Mal“ und fühlte mich traurig, weil der Baum halt wirklich uralt und prächtig ist. Die Hauptstrasse hat oft so viel Verkehr, dass es zu Staus kommt und in genau so einem Stau blieb ich bei dem Magnolienbaum stecken. Und was sehe ich unter ihm still und leise blühen? Tausende Märzenglöggli! Ein paar Telefonate später habe ich den Bauherr am Draht und innerhalb ein paar Minuten nach meiner Erklärung bekomme ich die Bewilligung, Märzenbecher im Kilobereich zu retten. Ein paar Wochen später haben über 30 Privatgärten via Whatsapp-Sturm einen Teil der Märzenglöggli bekommen, viele sind natürlich hier in der Region und etwa 200 sind jetzt in der Hecke entlang des Dorfbachs im Schlosspark. Aber Burgdorf und Huttwil hat nun auch. Einfach schön.
Es hört aber nicht hier auf.
Beim letzten Ausbuddeln steht eine ältere Dame ganz still am Gartenzaun, schaut uns zu und fragt dann, ob wir denn eine Bewilligung hätten. Ich erzähle von Herrn Oppliger, dem Bauherrn, dass auch der Magnolienbaum nicht ganz verloren geht, weil der Ändu Müller von Ändu’s Woodwork in Utzenstorf den Baum in Kunstwerke transformieren wird, und von meinem Traum seit Jahren. Es dauert etwas lange und ich werde schon ganz nervös, weil die gute Frau so ernst dreinschaut. Und endlich kommt die Auflösung… Wir stehen in ihrem ehemaligen geliebten Garten! Sie weiss sehr wohl, wer Herr Oppliger ist, weiss auch wo das Schloss Jegenstorf ist, und wird nächsten Frühling ihre geliebten Märzeglöggli dort besuchen. Dass der Magnolienbaum nicht einfach zu Holzstücken geschredert, sondern transformiert weiterleben wird, und wir auch die beiden alten Rosenstöcke mitgenommen haben; merkten, dass dieser Garten geliebt wurde und es bestimmt nicht einfach war, ihn aufzugeben… das war die Perle in der Krone dieser Reise, hat den Kreis geschlossen. So schön war das, so bereichernd und ungewöhnlich. Übrigens ist der Herr Oppliger ein ganz besonderer Bauherr: Von jeder Baustelle nimmt er von den alten Bäumen Stecklinge und wenn alles gebaut ist, lässt er die Stecklinge auf dem neuen Gelände pflanzen.
Als Dankeschön bekommt der alte Garten und der Parkplatz von uns einen Clean-Up gespendet.
Also: Bei Baustellen lohnt es sich, genau hinzuschauen und, falls nötig, den Bauherrn ausfindig zu machen, bevor die Erde weggebaggert wird. Baustellen können echt Schatzinseln sein.
