Hilfe aus der Luft für unsere Rehkitze

Hilfe aus der Luft für unsere Rehkitze

Jedes Jahr werden in der Schweiz in den Monaten Mai und Juni mehrere 1‘000 Rehkitze von Mähmaschinen getötet. Jetzt gibt es technologiegestützte Abhilfe.


Das grosse Handicap der nur wenige Tage alten Jungtiere ist, dass sie sich bei Gefahr instinktiv ducken, statt zu flüchten. Diese Taktik funktioniert sehr gut bei natürlichen Feinden wie Füchsen, ist aber nicht sehr ratsam bei einer Mähmaschine, die mit 40 km/h angebraust kommt. Sowohl Landwirt als Rehkitz sind dann chancenlos.

Seit mehreren Jahrzehnten organisieren sich deshalb die Jäger, um die Felder vor dem Mähen abzusuchen und gefährdete Rehkitze zu retten. Bis anhin funktioniert das in knochenharter Arbeit, indem die Felder zusammen mit Hunden abgelaufen werden. Von 2014 bis 2018 hat die Berner Fachhochschule eine Methode entwickelt, um die immer stärker aufkommenden Drohnen in diese Arbeit mit einzubeziehen: An der Drohne wird eine Wärmebildkamera montiert, die den warmen Körper des Rehkitzes im kühlen Feld erkennen kann. Mit der Drohne kann innert kürzester Zeit ein ganzes Feld abgeflogen werden, womit die Suche viel effizienter wird. Seit 2017 organisiert der Verein Rehkitzrettung Schweiz (www.rehkitzrettung.ch) die Vernetzung und die Ausbildung von Drohnenpiloten und die Weiterentwicklung von Technik und Methode. Und der Erfolg gibt dem Verein recht: Letztes Jahr konnten in der Schweiz dank Drohneneinsatz 751 Rehkitz vor der Mähmaschine gerettet werden.

Seit 2019 gibt es auch in der Umgebung von Jegenstorf einen ersten Drohnenpiloten. Dessen Beitrag im Jegenstorfer hat mich als Forums-Mitglied dazu animiert, die Pilotenausbildung diesen Winter ebenfalls zu machen und ab der bevorstehenden Saison 2020 bei der Rehkitzrettung mitzuhelfen. Ich arbeite auch beruflich mit Drohnen und möchte meine Erfahrung und auch die zur Verfügung stehenden Geräte meiner Firma für einen guten Zweck einsetzen. Die Drohne alleine reicht aber noch nicht aus. Deshalb hat das Forum Jegenstorf tief in die Taschen gegriffen, um eine für die Rehkitzrettung geeignete Wärmebildkamera zu kaufen.

Nachdem der Kurs nun abgeschlossen ist laufen in den nächsten Tagen noch letzte Tests mit dem Material. Und Anfang Mai wird es dann losgehen: die Jäger beobachten das Wild rund um unser Dorf schon den ganzen Winter und wissen, welche Felder sich die Rehgeissen gerne aussuchen für das „Setzen“, also die Geburt der Kitze. Zudem besteht in Jegenstorf ein offener und guter Austausch zwischen den Jägern und den Bauern, so dass die Rettungsteams meist rechtzeitig informiert werden, wenn die Mahd eines Feldes ansteht. Ich als Nicht-Jäger und Nicht-Landwirt bin zwar in diesen Reihen noch etwas ein Exot, kann aber hoffentlich trotzdem mithelfen, das übergeordnete Ziel zu erreichen: So viele Rehkitze wie möglich vor den Mähmaschinen retten.

Die eigentliche Arbeit der Rehkitz-Retter findet frühmorgens statt, wenn der Temperaturunterschied zwischen dem Tier und der Umgebung noch möglichst gross ist. Das heisst, dass wir vor 05 Uhr morgens in der frühen Dämmerung mit der Drohne losziehen und dann bis kurz nach Sonnenaufgang fliegen können. Die Felder werden dabei im Vorhinein erfasst und in die Drohne einprogrammiert, so dass diese das Feld in regelmässigen Bahnen selbständig abfliegt. Wird auf dem Bildschirm eine verdächtige Wärmequelle gefunden, markiert der Pilot den Punkt direkt auf dem Bildschirm. Nach dem Flug, der nur einige Minuten dauert, kann das Bodenteam gezielt diese gespeicherten Punkte absuchen. Falls es sich tatsächlich um ein Rehkitz handelt, wird dieses entweder an den Feldrand gebracht oder direkt auf dem Feld zusammen mit viel Gras in eine Harasse gelegt. Wenn der Landwirt mit Mähen fertig ist werden die Kitze wieder aus der Harasse befreit.

Für die Landwirte ist die Rehkitzsuche kostenlos – sowohl die klassische Suche mit Hunden als auch die Drohnensuche. Zuständig für die Organisation der Rehkitzrettung in der Gemeinde Jegenstorf ist der Hege-Verantwortliche des lokalen Jagd- und Wildschutzvereins, Daniel Wieland. Landwirte, die bis anhin noch nicht mit der Rehkitzsuche zu tun hatten, dieses Angebot aber künftig gerne nutzen möchten, setzen sich bitte mit ihm in Verbindung (daniel.wieland67@gmail.com).

Bericht: Patrick Baer
Fotos: Roland Blattner

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